Bar­ri­e­re­frei­heit
 

Themenabend „Alzheimer“

„Nicht nur Verlust- auch Gewinnerkrankung“

 
Gelungene Fußball-und-Demenz-Veranstaltung +++ Informations- und Unterhaltungsformat transportierte gesellschaftliches Thema +++ anregender Austausch
 
Die Resonanz auf die hochkarätig besetzte Veranstaltung „Ich will mich nicht vergessen“ war groß: Mit 250 Gästen war die Aula der Konrad-Adenauer-Realschule in Hamm am 13. November 2017 sehr gut gefüllt. In besonderer Form hatte die Evangelische Perthes-Stiftung zu einem Informationsabend zum Thema „Alzheimer und Demenz“ in Kombination mit Anekdoten aus der Fußballwelt eingeladen. Der bekannte Sportreporter Werner Hansch berichtete zunächst in einem Impulsvortrag bewegend von der Alzheimer-Erkrankung seines langjährigen Freundes, der FC Schalke 04-Legende Rudi Assauer und kam mit FC-Bayern-Co-Trainer Hermann Gerland über den ebenfalls betroffenen, unvergessenen Rekordschützen „Bomber“ Gerd Müller ins Gespräch bevor er eine Expertenrunde zum Thema moderierte.
 
Die Evangelische Perthes-Stiftung knüpfte mit diesem Format an den ebenfalls sehr erfolgreichen Themenabend „Fußball und Sucht“ vor zwei Jahren an. Damals berichtete Uli Borowka offen über seine Alkoholabhängigkeit. „Die vielen positiven Rückmeldungen haben uns dazu bewogen, Fußball und eine weitere gesellschaftlich sehr relevante Aufgabe zusammenzuführen: Wir verbinden an diesem Abend die schönste Nebensache der Welt mit den wichtigen Themen Alzheimer und Demenz, die Millionen Menschen in Deutschland betreffen“, erläuterte Rüdiger Schuch, Vorstand der Evangelischen Perthes-Stiftung das Konzept in seinen Begrüßungsworten.
 
„Rudi Assauer hat sich im Februar 2012 geoutet, meine Geschichte fängt aber 10 Jahre zuvor an“, begann Werner Hansch seinen sowohl humorvollen wie berührenden Rückblick auf die schillernde Persönlichkeit Rudi Assauers. Als kluger Manager einst vom „Sonnenkönig“ Günter Eichberg zurückgeholt, habe er den bis heute größten Erfolg in der Vereinsgeschichte, den Sieg im UEFA Cup Herzschlag-Finale 1996/97 gegen Inter Mailand möglich gemacht. Als gutaussehender Frauenschwarm und geschäftlicher „Macher“ habe er den finanziellen Ruin des Gelsenkirchener Vereins u. a. durch den Bau der heutigen Veltins-Arena mutig und entschlusskräftig verhindert. Umso unverständlicher sei es zunächst gewesen, dass der Verein sich 2006 scheinbar überraschend von ihm trennte. Hansch ging mit Assauer in den folgenden Jahren noch auf diverse öffentliche Veranstaltungen. Bis es nicht mehr ging. 2010 folgte die Diagnose Alzheimer und damit die Bestätigung einer großen Angst, die ihn schon lange begleitet hatte, denn Assauers Mutter und Bruder waren bereits an der Krankheit gestorben. Die feinfühlige und nachhaltig wirkende Dokumentation in der ZDF-Reihe 37° habe 2012 dafür gesorgt, dass das Thema Demenz „wie ein Blitz durch die deutsche Gesellschaft ging“, erzählte Werner Hansch. „Die Familie hat damit einen wichtigen Beitrag zur Enttabuisierung dieser Volkskrankheit der Zukunft geleistet.“ In den vergangenen fünf Jahren sei das Thema viel stärker in den Fokus gerückt durch Bücher, Filme und Informationsveranstaltungen. „Aber der Weg ist trotzdem noch weit“, sagte Hansch. Noch immer sei die Erkrankung zu Unrecht sehr schambelastet. Zu Anfang sei es auch Rudi Assauer „lieber gewesen, man dachte, er habe einzig ein massives Alkoholproblem als die eigentliche Ursache seiner Degeneration an die Öffentlichkeit zu tragen“, so Hansch.
 
So offen wie die Familie Assauer geht nicht jeder mit dieser Krankheit um. So habe sich die Familie von Gerd Müller dagegen entschieden, in die Öffentlichkeit zu gehen, erzählte Hermann Gerland. Gemeinsam mit Werner Hansch schwelgte er in Erinnerungen an die großen sportlichen Erfolge des Ausnahmespielers, der auch als Jugendtrainer nach seiner aktiven Zeit viele spätere Top-Fußballer begleitet hat: „365 Tore in 15 Jahren Bundesliga beim FC Bayern, 68 Tore in 62 Nationalspielen – Gerd Müller war der beste Stürmer aller Zeiten und ist ein noch besserer Mensch.“ Gerland besuche ihn regelmäßig und sagte nur zu seinem Zustand, er werde hervorragend gepflegt und umsorgt.
 
Über die Diagnoseverfahren, Behandlungsmöglichkeiten, Unterstützungsangebote und den aktuellen Stand der Wissenschaft sprach Hansch mit Dr. Frank Quibeldey (Oberarzt St. Marien-Hospital Hamm). „Alzheimer ist nur eine von mehreren Formen einer demenzielen Erkrankung“, erläuterte dieser und grenzte sie deutlich von anderen neurologischen Erkrankungen wie Parkinson ab. Rein physisch verlieren die Nervenzellen im Gehirn ihre Funktionsfähigkeit und Zellmasse schwindet. Ein erkrankter Mensch verliere sein Symboldenken, das Abstraktionsvermögen, das Assoziative Denken und die Fähigkeit zur Transferleistung. „Also die Fähigkeit, neue Informationen aufzunehmen, abzuspeichern und auf Zeit wieder abzurufen.“ Als Beispiel nannte er u. a. Symbole in Logos, die sich im Kopf von Gesunden schnell mit der dazugehörigen Firma verbinden. Bis heute ist die tatsächliche Ursache von demenziellen Erkrankungen unbekannt. Sie gelten als nicht heilbar und sind keine ausgewiesene Erbkrankheit. Eine ausgewogene, bevorzugt mediterrane Kost, ausreichend Bewegung, musizieren und vor allem die rege Teilnahme am sozialen Leben gelten als tendenziell hilfreich in der Vorbeugung.
 
„Demenz ist eine der wenigen Erkrankungen, die den Betroffenen in seiner Gesamtpersönlichkeit trifft und sein soziales System. Deshalb ist gerade die nicht medikamentöse Behandlung sehr wichtig.“ Diese erfordere allerdings Zeit und Geduld. „Im Kontakt mit Demenzpatienten kann man nicht unter Zeitdruck stehen“, stellte Dr. Quibeldey klar heraus. „Diese notwendige Entschleunigung ist etwas Positives.“ Grundsätzlich müsse der defizitorientierte Blick auf die Erkrankung verändert werden. „Demenz ist keine reine Verlusterkrankung, sie kann auch eine Gewinnerkrankung sein.“ So wisse er von Beziehungen zwischen demenziell Erkrankten und ihren Angehörigen, die in der Krankheit inniger und liebvoller wurden. „Ich kenne eine Tochter, die ihre Mutter nach 40 Jahren wieder herzlich umarmen kann. Auch das kann die Erkrankung mit sich bringen.
 
Wichtig sei in jedem Fall die frühzeitige Abklärung etwaiger Beschwerden durch Fachärzte. „Leider kommen viele Patienten erst in einem sehr fortgeschrittenen Stadium zu uns. Es hat in der Medizin einen Paradigmenwechsel gegeben, der vor allem auf Früherkennung und sowohl medikamentöse als auch nicht medikamentöse Behandlung von Symptomen setzt.“ Zweimal am Tag die Brille zu verlegen sei per se allerdings noch kein Grund zur Besorgnis. „Es sei denn, Sie finden die Brille an Orten wieder, an denen sie sonst nicht auffindbar war“, gab der Mediziner als Beispiel. Demenzielle Erkrankungen seien bei älteren Krankenhauspatientinnen und -patienten heute eher die Regel als die Ausnahme. Deshalb sei die fachliche Schulung des Personal immens wichtig.
 
Gabriele Walczak (Demenzcoach und Einrichtungsleitung Ev. Altenzentrum St. Victor Hamm-Herringen) unterstrich, dass „ein Mensch auch in der Krankheit die Persönlichkeit bleibt, die er ist und war“. Deshalb sei es wichtig, sich auf die Situation, in der der Betroffene sich gerade befindet, einzulassen und ggfls. nach kleinen Weichenstellungen in der Kommunikation zu suchen. „Wir zeigen unseren Bewohnerinnen und Bewohnern beispielsweise einzelne Speisen, wenn wir nach ihren Vorlieben fragen.“ Eine Käsescheibe werde als Bild erkannt, aber u. U. mit dem Begriff „Salami“ verknüpft. „Wir versuchen nicht so sehr alleinig auf die Worte zu reagieren, sondern zu erspüren, welches Gefühl der Betroffene gerade ausdrücken will.“ Darüber hinaus betonte Walczak, wie schwer eine solche Erkrankung für die Angehörigen sei. „Sie brauchen unseren Respekt und Bewunderung und jede Art von Hilfe.“
 
Insgesamt habe sich in den vergangenen Jahren bereits viel zum Besseren verändert. Mit der Einführung der Pflegegrade etwa hätten erstmals demenziell Erkrankte Anspruch auf Leistungen aus der Pflegeversicherung. Walczak warb zudem für den Pflegeberuf: „Es ist eine sehr sinnstiftende Tätigkeit mit vielen Entwicklungsmöglichkeiten.“
Von allen Beteiligten wurde die Vernetzung zwischen den Krankenhäusern, den Beratungsstellen und den Pflegeeinrichtungen gelobt. „Es werden individuelle Lösungen gesucht und gefunden, die vielschichtig sind und alle Bereiche abdecken“, ergänzte Dr. Quibeldey. „Das funktioniert gut in Hamm.“ Dass es noch Verbesserungspotenzial hinsichtlich der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gebe, darin war sich die Runde allerdings ebenfalls einig.
 
Frank Schulte vom Amt für Soziales, Wohnen und Pflege der Stadt Hamm berichtete außerdem darüber, wie die Stadt Hamm auf die demografische Entwicklung mit vielen alten Menschen vorbereitet ist und welche Strukturen dafür geschaffen werden. So skizzierte er das mittlerweile im dritten Jahr befindliche Projekt „Älter werden in Hamm“ und das „Feidikforum“, ein Modellquartier für Menschen im Alter. Die Selbstbestimmung zu erhalten, die Lebensqualität zu steigern und der Vereinsamung entgegen zu wirken nannte er als Kernziele. Außerdem beschrieb er die Angebote des Netzwerk Demenz und der Wohn- und Pflegeberatung. „Der demografische Wandel ist bereits Gegenwart: 20 % aller Einwohner in Hamm sind über 65 Jahre alt. Umso wichtiger sind Informations- und Beratungsangebote wie dieser Abend.“ Fragen aus dem Publikum wurden ebenfalls beantwortet.
 
Die Musiker Klaus Rüter (Akkordeon) und Oliver Zicholl (Gitarre und Gesang) rahmten die Wortbeiträge mit gefühlvollen, passenden Stücken ein. Informationsstände der Alzheimer Gesellschaft, der Grünen Damen und Herren Ambulant e. V. sowie der Evangelischen Perthes-Stiftung rundeten den Abend ab. Der Förderverein der Konrad-Adenauer-Realschule kümmerte sich zudem um das leibliche Wohl.
 
Tanja Schreiber

(veröffentlicht am 14.11.2017)